Sigma 20–200mm nach 10 Monaten: Mein meistgenutztes Objektiv – und trotzdem verkauft

Das Sigma 20–200mm klang für mich auf dem Papier fast wie das perfekte Reiseobjektiv. 20mm am weiten Ende, 200mm Tele, relativ kompakt, nicht absurd schwer und vor allem: ein Objektiv, das einfach auf der Kamera bleiben kann. Kein ständiger Objektivwechsel, kein zweites Tele im Rucksack und kein Gedanke daran, welche Brennweite ich für den Tag wohl brauchen könnte. Genau deshalb habe ich es gekauft. Das Sigma sollte nicht einfach irgendein Objektiv in meinem Setup werden. Es sollte das Herzstück meines Travel-Setups sein. Zehn Monate später habe ich es verkauft. Und das Komische daran: Es war gleichzeitig mein mit Abstand meistgenutztes Objektiv.

Hinweis zu den Bildern:
Alle Bilder in diesem Artikel wurden – sofern nicht anders angegeben – mit irgendeiner Form von Diffusionsfilter aufgenommen, mit künstlichem Grain bearbeitet und mit aktivierten Objektivkorrekturen entwickelt. Warum auch nicht? Hier geht es um Vibes, nicht um klinische Labortests.

 

Was ich eigentlich gesucht habe

Vor dem Sigma hatte ich das Tamron 17–50mm F4. Und ehrlich gesagt habe ich dieses Objektiv geliebt. Ich habe damit viel auf Reisen fotografiert und auch viele Videos für meinen YouTube-Kanal gefilmt. F4 hat mich nicht gestört, die Image Quality war für meine Ansprüche völlig ausreichend und der Brennweitenbereich von 17 bis 50mm war im Alltag ziemlich angenehm. Es gab eigentlich nur ein Problem: 50mm waren mir zu kurz. Für einen Tag in der Stadt funktioniert das problemlos. Aber sobald ich auf einer größeren Reise unterwegs bin, möchte ich einfach mehr Reach haben. Als Sigma dann das 20–200mm vorgestellt hat, klang das nach der offensichtlichen Lösung. Ich verliere etwas am weiten Ende, bekomme dafür aber plötzlich viermal so viel Reichweite. Statt Standardzoom plus Tele könnte ich einfach ein Objektiv auf die Kamera packen und fertig. Und genau so habe ich es dann auch benutzt.

20–200mm sind wirklich absurd praktisch

In den folgenden zehn Monaten war das Sigma fast dauerhaft auf meiner Sony A7C II. Himalaya, indische Großstädte, Goa, Rajasthan – Landschaft, Street Photography, Portraits und gelegentlich Wildlife. Also alles, was irgendwie unter Travel Photography fällt. Und der Brennweitenbereich funktioniert. 20 bis 200mm in einem relativ kompakten Objektiv sind einfach absurd praktisch. Du fotografierst eine Landschaft bei 20mm, irgendwo weiter hinten passiert etwas Interessantes und ein paar Sekunden später bist du bei 200mm. Kein Objektivwechsel. Kein zweiter Body. Kein Gedanke daran, ob du das Tele heute überhaupt mitnehmen solltest. Du hast es einfach dabei. Besonders in den ersten Wochen hat mir genau diese Freiheit unglaublich gut gefallen. Ich habe damit definitiv Fotos aufgenommen, die ich mit meinem vorherigen Setup schlicht nicht gemacht hätte. Das zentrale Versprechen des Sigma funktioniert also. Nur muss irgendwo der Preis für diesen Brennweitenbereich bezahlt werden.

Die kleinen Kompromisse

Keiner der folgenden Punkte hätte für sich alleine dafür gesorgt, dass ich das Sigma verkaufe. Zusammen haben sie aber ziemlich stark beeinflusst, wie gerne ich das Objektiv benutzt habe.

Gewicht und Handling

540 Gramm sind für ein 20–200mm eigentlich beeindruckend. Ein separates Tele mit vergleichbarer Reichweite wiegt schnell ähnlich viel oder mehr – und dann brauchst du zusätzlich noch ein zweites Objektiv für den normalen Brennweitenbereich. Trotzdem fühlte sich das Sigma an meiner A7C II etwas front-heavy an. Für zehn Minuten ist das komplett egal. Wenn man aber einen ganzen Tag durch eine Stadt läuft und die Kamera ständig in der Hand hat, merkt man es irgendwann.

Der Zoomring

Auch der Zoom hat mich nie wirklich begeistert. Zum einen läuft er in die für Sigma typische Richtung, die für mich im Vergleich zu meinen anderen Objektiven einfach falsch herum ist. Zum anderen war der Widerstand relativ hoch. Das klingt nach einer Kleinigkeit – und das ist es eigentlich auch. Aber bei einem Objektiv, dessen kompletter Sinn darin besteht, ständig zwischen 20 und 200mm zu wechseln, möchte ich, dass genau dieser Teil Spaß macht. Bei einem Sony 200–600mm, das ich einmal gemietet hatte, war der Zoom Throw beispielsweise unglaublich leicht und schnell. Rein- und rauszoomen fühlte sich fast schon spielerisch an. Beim Sigma war es eher Arbeit.

Autofokus

Der Autofokus ist grundsätzlich okay. Bei statischen Motiven hatte ich kaum Probleme. Wenn ich aber ein Motiv getrackt und gleichzeitig die Brennweite verändert habe, konnte der Fokus relativ schnell verloren gehen. Auch das ist kein Weltuntergang. Aber Sony hat mich über die Jahre ziemlich verwöhnt. Ich bin daran gewöhnt, Tracking zu aktivieren und anschließend praktisch nicht mehr darüber nachzudenken. Wenn genau dieser Flow unterbrochen wird, merke ich das.

Die Blende

Natürlich wusste ich vorher, dass ich ein langsames Superzoom kaufe. F3.5–6.3 klingt auf dem Papier auch komplett nachvollziehbar. Was dabei etwas untergeht: F3.5 gibt es praktisch nur bei 20mm. Die Blende wird ziemlich schnell kleiner und bei 85mm ist man bereits bei F6.3. Damit ist im Prinzip der komplette Telebereich F6.3. Bei Tageslicht? Kein Problem. Später am Abend, bei schlechtem Wetter oder indoor geht der ISO-Wert allerdings ziemlich schnell hoch. Mit einer modernen Vollformatkamera ist auch das kein Drama, aber man produziert eben häufiger Bilder, bei denen man später vielleicht noch Denoising anwenden möchte. Wenn das meine größten Probleme mit dem Sigma gewesen wären, hätte ich es vermutlich heute noch. Aber dann kommt die Vignettierung.

Mein eigentlicher Dealbreaker: die Vignettierung

Normalerweise interessiert mich Vignettierung kaum. Viele moderne Objektive werden inzwischen mit der Erwartung entwickelt, dass ein Teil der optischen Fehler später per Software korrigiert wird. Lightroom-Profil aktivieren, fertig. Beim Sigma 20–200mm funktioniert das leider nicht immer so sauber.

Bei 20mm korrigiert Lightroom teilweise zu viel

Am weiten Ende kann das Lightroom-Profil bei abgeblendeten Aufnahmen die Vignettierung deutlich überkorrigieren. Das Ergebnis sind teilweise hellere Ecken als die Bildmitte. Und das sieht einfach seltsam aus. Das war für mich kein Problem, das ich irgendwann beim Pixel Peeping in einem Labortest entdeckt habe. Ich habe es regelmäßig schon in den kleinen Lightroom-Thumbnails gesehen. Natürlich lässt sich das korrigieren. Ein bisschen zusätzliche Vignette drauf, Slider verschieben, fertig. Bei einem Bild ist mir das komplett egal. Nur komme ich von einer Reise nicht mit einem Bild zurück. Ich komme teilweise mit mehreren Tausend Fotos zurück, bearbeite davon vielleicht einige Hundert und treffe anschließend erst meine finale Auswahl. Und plötzlich sortiere ich Bilder danach, ob sie mit dem Sigma bei 20mm und F8 aufgenommen wurden, damit ich dort wieder eine andere Vignettenkorrektur anwenden kann. Das ist einfach Zeit, die ich lieber dafür verwenden würde, ein Bild kreativ zu bearbeiten. Ich möchte am Look arbeiten. Nicht mein Objektiv reparieren.

20mm @ F/4.5 Vignette mit Korrektur. Man kann die hellen Ecken klar sehen.

20mm @ F/4.5 Vignette ohne Korrektur

Am Tele-Ende wird es noch seltsamer

Noch störender fand ich die Vignettierung teilweise bei längeren Brennweiten. In bestimmten Situationen entsteht dort kein klassischer natürlicher Helligkeitsabfall zum Rand. Es sieht eher so aus, als hätte jemand in Lightroom versehentlich eine schlechte Radial Mask über das Foto gelegt. Besonders bei relativ gleichmäßigen Flächen fällt der unnatürliche Übergang sofort auf. Und sobald man ihn einmal gesehen hat, sieht man praktisch nichts anderes mehr. Abblenden auf F8 hilft. Aber bei 200mm startet das Objektiv bereits bei F6.3. Wenn meine Lösung für ein Problem lautet, dass ich mein ohnehin langsames Tele praktisch standardmäßig auf F8 benutzen sollte, wird das für mich als einziges Tele im Setup ziemlich einschränkend. Noch schlimmer war aber etwas anderes. Ich fing irgendwann schon beim Fotografieren an, darüber nachzudenken.

20mm? Okay, später die Ecken kontrollieren.

Lange Brennweite?

Sollte ich lieber auf F8 gehen? Reicht dann noch das Licht?

Und genau an diesem Punkt hat ein technisches Problem angefangen, meine eigentliche Experience beim Fotografieren zu beeinflussen.

200mm @F/16 Nur leichte Randvignette nach Autokorrektur

200mm @F/6.3, Ringartige Vignette nach Autokorrektur

Ein Objektiv kann technisch gut sein und trotzdem keinen Spaß machen

Das Sigma ist kein schlechtes Objektiv. Die Auflösung ist für mich völlig ausreichend. Distortion gibt es ordentlich, wird aber digital gut korrigiert. Chromatische Aberrationen waren praktisch nie ein Thema. Flare und Sharpness waren für ein Superzoom absolut okay. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass mir das Sigma im Gegenzug für seine Kompromisse nicht genug zurückgibt. Ein gutes Gegenbeispiel ist mein Zeiss 55mm F1.8. Ich besitze dieses Objektiv seit fast zehn Jahren. Es ist alles andere als perfekt. Es gibt inzwischen technisch bessere und teilweise deutlich günstigere Alternativen. Ist mir egal. Ich mag, wie es rendert. Ich mag die Größe. Ich mag den Look der Bilder und ich mag es einfach, damit zu fotografieren. Deshalb verzeihe ich ihm seine Schwächen. Beim Sigma war es irgendwann fast genau andersherum.

Mit 20 bis 200mm kann man innerhalb weniger Sekunden komplett unterschiedliche Perspektiven ausprobieren. Das klingt zunächst nur positiv. Bei mir hatte es aber einen interessanten Nebeneffekt. Ich habe irgendwann nicht mehr nur auf 150 oder 200mm gewechselt, wenn ich tatsächlich eine starke Tele-Komposition gesehen habe. Ich habe es einfach gemacht, weil ich es konnte. 20mm. Dann 70. Dann 150. Dann wieder 35. Am Ende hatte ich jede Menge völlig unterschiedliche Bilder, ohne dass dahinter unbedingt eine klare Idee stand. Meine Fotografie wurde teilweise etwas random. Das ist natürlich kein objektiver Fehler des Sigma. Das ist eher etwas, das ich über meine eigene Art zu fotografieren gelernt habe. Aber genau solche Dinge merkt man eben erst, wenn man ein Objektiv wirklich lange benutzt.

Ich habe das Sigma für den falschen Job gekauft

Nachdem das Video zu diesem Artikel eigentlich schon fertig geschnitten war, habe ich mir noch einmal die EXIF-Daten meiner letzten Reisen angesehen. Und dabei wurde es interessant.

88 Prozent meiner Keeper waren mit dem Sigma 20–200mm aufgenommen.

Das Objektiv war also mit riesigem Abstand mein meistgenutztes Objektiv. Das klingt zunächst wie das beste Argument überhaupt, es zu behalten. Man kann die Statistik aber auch anders herum lesen:

Ich habe fast 90 Prozent meiner Fotografie mit dem Objektiv gemacht, das ich von meinem gesamten Setup am wenigsten mochte.

Und da ist für mich etwas falsch herum gelaufen. Ich hatte das 20–200mm als Do-it-all Workhorse gekauft. Als Herzstück meines Setups.Aber inzwischen glaube ich nicht mehr, dass das die Rolle ist, in der das Sigma am stärksten ist. Für mich ist es eher ein spezialisiertes One-Lens-Tool. Und in genau diesem Use Case ist es richtig stark. Wenn ich auf einer langen Wanderung wirklich nur eine Kamera und ein Objektiv mitnehmen kann, funktioniert 20–200mm hervorragend. Wenn es schneit, staubt oder regnet und ich möglichst nicht ständig Objektive wechseln möchte, kann der Brennweitenbereich einen echten Unterschied machen. Wenn man wirklich nur ein Objektiv mitnehmen kann, würde ich das Sigma jederzeit nachvollziehen können. Nur ist das bei mir meistens gar nicht der Fall. Ich kann ein zweites Objektiv mitnehmen. Und meistens hatte ich sowieso noch irgendein zweites Objektiv dabei. Ich kann eine kleine lichtstarke Festbrennweite für Low Light einpacken. Ich kann ein separates Tele mitnehmen. Und wenn es die Situation erlaubt, kann ich auch einfach Objektive wechseln. Ich hatte also versucht, mit dem Sigma ein Problem zu lösen, das für mich eigentlich gar nicht existierte.

Was meine Brennweiten tatsächlich sagen

Mehr als 20 Prozent meiner Bilder mit dem Sigma entstanden bei 100mm oder länger. Ich habe den Telebereich also definitiv genutzt. Gleichzeitig entstand der Großteil meiner Bilder trotzdem zwischen 20 und 70mm. Praktischerweise baut Sony ziemlich genau dieses Objektiv. Deshalb ist das Sony 20–70mm F4 inzwischen mein Main Zoom. Für die Tele-Aufnahmen, die mir wirklich wichtig sind, kann ich zusätzlich ein leichtes Tele wie das Tamron 70–300mm einpacken. Ja, ich habe dann zwei Objektive statt einem. Aber dafür habe ich für den Großteil meiner Fotografie ein Objektiv auf der Kamera, das ich lieber benutze – und für die Situationen, in denen ich wirklich Tele brauche, ein echtes Tele. Für meinen Use Case ergibt das einfach mehr Sinn.

Ist das Sigma 20–200mm also schlecht?

Nein. Eigentlich ist genau das Gegenteil der Punkt. 20–200mm in dieser Größe und mit diesem Gewicht sind technisch ziemlich beeindruckend. Wenn du wirklich ein One-Lens-Setup suchst, bei dem Objektivwechsel möglichst komplett vermieden werden sollen, gibt es kaum etwas Vergleichbares. Expeditionen, lange Hikes, staubige oder verschneite Bedingungen, Reisen mit minimalem Gear – genau dort sehe ich die große Stärke dieses Objektivs. Ich hatte nur versucht, daraus etwas anderes zu machen. Ich wollte, dass es mein universelles Standardobjektiv wird, obwohl ich die wichtigste Voraussetzung für diesen Kompromiss gar nicht hatte:

Ich musste mich überhaupt nicht auf ein Objektiv beschränken.

Und wenn ich die Wahl habe zwischen einem Objektiv, das theoretisch alles kann, und mehreren Objektiven, die ich jeweils lieber benutze, nehme ich inzwischen lieber die zweite Variante. Das Sigma 20–200mm war mein meistgenutztes Objektiv. Es war wahrscheinlich gleichzeitig mein schlechtestes Objektiv – zumindest gemessen daran, wie wenig Freude ich irgendwann daran hatte. Und genau deshalb habe ich es verkauft.

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Mein erstes Mal im Himalaya - Reisetagebuch